Kati Blum - Eine Herausforderung zum Küssen

 

Prolog

 

 

„Im Jahre 1430 wird in Bayreuth das erste Kommunbrauhaus gebaut. Wie kann man sich seine Rolle vorstellen? Man hat alles vorgefunden, um sein Bier zu brauen, man musste nur seine Zutaten selber mitbringen. 

1439 wird die Bayreuther Stadtfreiheit verabschiedet, und damit wollte man bezwecken, dass man nur innerhalb der Stadtgrenzen brauen konnte, und man hat sich somit diese Einnahme gesichert.

Es wurde ziemlich viel gebraut damals. Es hat trotzdem nicht gereicht. Nachdem man das Bier gebraut hatte, musste es reifen, und dafür wurde es in solche Fässer hier gefüllt. Wenn man es probieren musste, dann hat man hier vorne ein Loch gebohrt. Das Loch wurde danach mit einem Holzstück verschlossen. Ein sogenannter Zwickel. Von daher kommt auch der Name einer unserer Biersorten, ‚Zwickel‘, aber auch von ganz vielen anderen Kellerbieren.“

Monika sah sich verstohlen um. Sie befand sich tief unter der Erde, genauer gesagt in einem Bereich der alten Gänge der Bayreuther Katakomben, die zur Bayreuther Aktienbrauerei gehörten, und nahm an einer Führung teil. Die junge Dame, die die Führung leitete, war nett und bestach durch ihr Wissen, was die von Touristen gestellten Fragen bewiesen, auf die sie konkret einging und ausführlich beantworten konnte.

Monika kannte das aber schon, hatte sie die Führung doch erst kürzlich schon einmal mitgemacht. So wusste sie bereits Bescheid über die Bayreuther Katakomben, ihren Zweck bezüglich des Bierbrauens und ihrer Funktion als Schutzbereich für die Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg.

Bewusst hielt sie sich im Hintergrund. Die Temperaturen waren kühl hier unten. Um die zehn Grad nur, obwohl es draußen angenehme zweiundzwanzig Grad betrug. Der Boden unter ihren Füßen war teilweise feucht, und rechts des Weges befand sich eine Rinne, in der Wasser floss.

Die Augen aller Besucher waren auf die junge Dame gerichtet, die mit Freude ihr Wissen über die Katakomben weitergab. Ob sie sich jetzt davonschleichen konnte? Genau hier an dieser Stelle war der alte Mann verschwunden. Das hatte sie genau beobachtet. Er lief in diesen Seitengang schräg hinter ihr. Ein Stück weit hatte sie ihn verfolgt, und, als sie um die nächste Ecke gelugt hatte, gesehen, wie er hinter einem Stapel aus alten Fässern, Bottichen und sonstigem alten Zeugs seine Plastiktüte fallen ließ, die er bei sich hatte, und herumkramte. Aus Angst, entdeckt zu werden, oder aber dass ihr Fehlen in der Gruppe auffallen würde, eilte sie schließlich zurück. Gerade noch rechtzeitig, um den Anschluss an die Führung nicht zu verlieren. 

Der Alte jedoch traf erst später wieder auf die Truppe, von wo auch immer er daherkam. Wie aus dem Nichts war er wieder unter ihnen gewesen. Doch außer ihr selbst schien das niemand bemerkt zu haben.

Ihre Nackenhaare sträubten sich ein wenig, so aufgeregt war sie. Ihre Augen huschten hin und her. Jetzt oder nie!

Langsam und so unauffällig wie möglich trat sie ein paar Schritte rückwärts nach hinten. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass sie den von ihr angestrebten Gang fast erreicht hatte. Blitzschnell drehte sie sich um und verschwand.

 

Sie nahm den gleichen Weg wie der alte Mann. Zumindest hoffte sie das. Denn irgendwie sah alles ziemlich gleich aus. Aber schon kurze Zeit später erkannte sie den Ort, an dem sich der Mann zu schaffen gemacht hatte.

Die Stimme der Führerin wurde allmählich leiser, dann war alles mucksmäuschenstill. Nur das laute Pochen ihres Herzschlags hallte in ihren Ohren. Ihre Schritte verlangsamten sich. Schließlich befand sie sich an der gleichen Stelle, an der der Alte sich gebückt hatte.

 

Sie tat es ihm nach. Im schummrigen Licht konnte sie zuerst nichts weiter Auffälliges entdecken. Dann fiel ihr Blick auf zwei alte Plastiktüten. Nicht so alt, als dass sie museumsreif gewesen wären. Alt im Sinne von vielleicht ein, zwei Jahren. Der Aufdruck war bereits abgegriffen. Beide Tüten waren ausgebeult von deren Inhalt. Vorsichtig zog sie eine zu sich heran.

Als sie hineinschaute, konnte sie ihr Glück kaum glauben. Ohne zu überlegen, griff sie nach der alten hölzernen Schatulle und verstaute sie in ihrer übergroßen Handtasche. Ein Hoch auf die Modefritzen, die vor nicht allzu langer Zeit beschlossen hatten, dass diese Monstertaschen in waren. Dann schob sie mit spitzen Fingern die alte, abgegriffene Tüte zurück an ihren angestammten Platz. Was sich sonst noch darin befand, interessierte sie nicht.

Nun musste sie nur wieder unbemerkt ihre Gruppe finden und nach draußen gelangen. Und dann konnte sie endlich den Beweis vorlegen.

 

Während die anderen nach der Führung noch im Braustüberl ein Bier ihrer Wahl genießen wollten, befand sich Monika bereits auf dem Weg nach draußen. Ohne darüber nachzudenken, zog sie ihr Handy hervor und wählte eine Nummer. Nach dem dritten Klingeln wurde abgehoben.

„Ich hab’ sie!“, platzte Monika heraus und verließ dabei das Brauereigelände. „Tut mir ja echt leid für Sie, aber Sie sollten sich künftig lieber nach etwas anderem umsehen.“

„Ich glaube Ihnen kein Wort!“, blaffte eine Männerstimme ungehalten zurück.

„Sie wollen den Beweis? Sie sehen? Bitte schön. Sehr gern!“ ihre Stimme klang wie zerflossene Butter. Es tat so gut, diese Worte endlich aussprechen zu können. Monika fühlte sich überlegen. Sie hätte in diesen Minuten die ganze Welt einreißen können. „Wie wäre es in fünfzehn Minuten?“ Monika blieb stehen und sah sich um. Wo genau war sie eigentlich? Dann sah sie ein Schild, das auf einen Fußweg hinwies, der am Herzogkeller vorbeiführte, hinunter zur Hindenburgstraße. Wenn sie nicht alles täuschte, würde sie von dort aus zum Roten Main kommen. Sie war dort schon einmal entlangspaziert.

„Und wo?“, fragte die Stimme.

„Am Fußweg des Mainufers. Auf Höhe des Spielplatzes der Hindenburgstraße. Etwas weiter hinten.“

„Ich denke, ich weiß, wo Sie meinen“, stieß der Angerufene hervor. Dann legte er auf.

 

Monika stand abseits des Weges, nahe dem Gebüsch. Sie strahlte. Warum auch nicht?

Für einen kurzen Moment waren ihre Gesichtszüge entgleist, und sie schalt sich, so unbedacht und vorschnell gehandelt zu haben, ohne vorher auf Nummer sicher zu gehen. Das war der Moment, in dem sie die Schatulle aus ihrer Tasche geholt und geöffnet hatte. Für einen Augenblick dachte sie, dass sie leer wäre, abgesehen von etwas Krimskrams, das der Alte darin versteckt haben mochte. Doch dann strichen ihre professionell lackierten Fingernägel über eine Einbuchtung am Boden der Holzschachtel. Ein doppelter Boden. Sie hielt den Atem an, während sie die dünne Holzplatte herauspulte. Da lag es dann, dieses wertvolle Stückchen Papier, das ihr Leben verändern sollte.

Entspannt warf sie den Kopf in den Nacken und lachte. Dieser alte Hund. Karl Gerhard musste sie selbst im Tod noch triezen. Aber letztlich hatte sie doch gewonnen. Sie klappte den Deckel der Schatulle zu und warf einen Handkuss gen Himmel. „Danke, Karli. Danke!“, murmelte sie.       

 

 

 1.

 

 

Der Wecker klingelte gnadenlos. Widerwillig öffnete ich einen Spalt breit meine Augen, während ich mit der Hand nach dem lärmenden Ungetüm angelte und endlich die Taste fand, um die unsanfte Beschallung zu beenden. Schlaftrunken hievte ich ein Bein aus dem Bett. Das zweite war im Begriff, zu folgen. Mitten in der Bewegung hielt ich jedoch inne. Verdammt! Heute war doch mein freier Tag. Warum nur hatte ich vergessen, den blöden Wecker auszuschalten? Ich ließ mich wieder zurück in die kuscheligen Federn sinken, bevor ich zehn Minuten später dann doch aus dem Bett sprang. Genau in der Sekunde, als mir im Dämmerzustand der Hinweis durch den Kopf waberte, dass ich meinen freien Tag mit meiner Kollegin Linda getauscht hatte.

Es war gerade einmal kurz nach fünf Uhr. Eine unchristliche Zeit, wie ich fand. Aber seit gut drei Monaten begann mein Tag so früh. Genauer gesagt, seit ich im Hotel „Zur Sonne“ als Servicekraft für das Frühstück zuständig war. Damit verdiente ich zwar kein Vermögen, aber der Job ließ sich relativ gut mit meiner Tätigkeit als freie Mitarbeiterin der örtlichen Zeitung vereinbaren, von der allein ich meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte.

Ich bin übrigens Kati Blum. Anfang dreißig und Witwe. Mein Mann Thorsten starb vor einem guten dreiviertel Jahr. Seitdem wohne ich allein in unserer kleinen Wohnung, die wir liebevoll unser „Baumhaus“ nannten, weil sich eine große, alte Eiche, die sich auf dem Anwesen der alteingesessenen Bayreuther Juweliersfamilie Blum befand, direkt nebenan regelrecht an unsere Fenster schmiegte. 

Ja, Sie haben richtig gehört. Anwesen! Die Familie Blum hat nicht nur irgendein Grundstück samt Haus in Bayreuth. Nein, sie lebt seit Urzeiten auf einem Anwesen, das etwa dreitausend Quadratmeter umfasst und kann eine Villa ihr Eigen nennen, die wahrscheinlich eine ganze Grundschule hätte beherbergen können. Natürlich war sie prachtvoll ausgestattet. Darauf achtete Anke Blum, meine Schwiegermutter, die Herrscherin über das Blum’sche Königreich.                      

Ich glaube, in früheren Zeiten wäre Anke mindestens eine Herzogin oder so etwas in der Art gewesen. Das Herumkommandieren beherrschte sie jedenfalls mit links. Man könnte sagen, es lag ihr im Blut.

Thorsten, mein verstorbener Mann, war ihr einziges Kind, und weder sie noch Klaus, mein Schwiegervater, waren von der überstürzten Heirat ihres Sohnes mit einer völlig Fremden begeistert gewesen. Sie müssen wissen, wir hatten uns im Urlaub kennengelernt und schon nach ein paar Tagen das Jawort gegeben. Nun, die Ehe war gut gewesen, wenn auch nur von kurzer Dauer. Lediglich auf vier gemeinsame Jahre konnte ich zurückblicken, bevor Thorsten ein bis dahin unerkannter Herzfehler auf tragische Weise aus dem Leben riss.

So blieb ich allein zurück. Als Kuckuckskind, das dem Ehepaar Blum mal eben so über Nacht ins Nest gelegt worden war. Da ich aber zu meiner Hunderte von Kilometern entfernten Heimat keinerlei Kontakte mehr hatte und meine Eltern inzwischen nach Australien ausgewandert waren, blieb ich in Bayreuth. Das Baumhaus, es war mein Zuhause geworden, und ich liebte es, ebenso wie meine mütterliche Freundin, die ebenfalls auf dem Blum’schen Anwesen wohnte und hier den Haushalt schmiss. 

 

Gähnend watschelte ich zu meiner kleinen Küchenzeile, um den Kaffeeautomaten anzuschalten. Wie immer gab er zum Gruß erst einmal ächzende Geräusche von sich. Ich wünschte auch ihm einen guten Morgen und verschwand unter der Dusche. Besonders gut geschlafen hatte ich letzte Nacht nicht. Irgendetwas musste wohl wieder passiert sein, denn die lauten Sirenen der Feuerwehr rissen mich zwischendurch kurzzeitig aus meinem wohlverdienten Schlaf.

Da mein geliebtes Baumhaus gleich neben der Einfahrt zum Blum’schen Anwesen lag, und somit fast direkt neben der Straße, bekam ich des Öfteren Sirenen zu hören. Polizei, Feuerwehr, Krankenwagen. Die ganze Palette fuhr hier vorbei, wenn auf der Autobahn etwas passiert war. Und natürlich auch sonst, je nach Zielort. Inzwischen kannte ich jede Sirene genau und wusste sofort, um welches Fahrzeug es sich handelte. Letzte Nacht war eindeutig die Feuerwehr im Einsatz gewesen. Nun ja. Ich hoffte einfach einmal, dass nichts wirklich Schlimmes geschehen war.

Wenig später schwang ich mich auf mein Fahrrad und traf pünktlich zum Schichtbeginn um sechs Uhr im Hotel ein. Nun hieß es bis elf Uhr Frühstück herbeizuräumen, Schüsseln und Platten nachzufüllen, Gäste zu bewirten und alles wieder abzuräumen. Das war mein Job. An sechs Tagen die Woche. Da ich mich aber als Bedienung gar nicht so dumm anstellte und obendrein den Duft von Kaffee und frischen Croissants liebte, war ich nicht unglücklich damit.

„Guten Morgen“, trällerte ich Alex, dem Koch, zu, während ich mich aus meiner Strickjacke befreite. Es war Ende Mai, und in diesen Tagen herrschten frühsommerliche Temperaturen. Jedenfalls den Tag über. Morgens war es der Jahreszeit entsprechend noch frisch.

„Morgen Kati. Was machst du denn heute hier?“, nuschelte Alex und schlug Eier in eine große Metallschüssel.

Ich schmiss meinen Kram in meinen Spind und betrat die Küche.

„Hab’ mit Linda getauscht. Sie hat einen Arzttermin oder sowas“, erklärte ich und sah ihm zu, wie er in Rekordzeit ein Dutzend Eier bearbeitete. Ich liebte seine Rühreier! Abgesehen davon war Alex außerdem nett. Er war jung. Seine Ausbildung zum Koch hatte er erst im letzten Jahr erfolgreich beendet, und das cholerische Verhalten vieler erfahrener Köche hatte sich bei ihm noch nicht festgesetzt. Klar, Chefköche mussten alles im Griff haben, Mitarbeiter wie Speisen. Und sie mussten auf die Minute genau arbeiten, egal wie viel los war. Vielleicht gehörte da ein etwas aufbrausendes Auftreten einfach mit zum Berufsbild. Alex hingegen war immer entspannt, so lange ich ihn kannte, und hatte meist ein spitzbübisches Grinsen im Gesicht, fast so, als wollte er den Lebensmitteln, mit denen er arbeitete, sagen: Jetzt passt mal gut auf, was ich aus euch zaubern werde.

„Ist Sahra schon da?“, erkundigte ich mich nach meiner Kollegin, mit der ich heute zusammen die Schlacht am Frühstücksbuffet meistern würde.

Alex wies mit dem Kinn in Richtung Speisesaal. „Drin.“

„Du bist ja heute ganz schön einsilbig“, stellte ich fest und band mir meine lange burgunderrote Schürze um die Taille.

„Ach. Nicht gut geschlafen.“

„Das liegt dann wohl in der Luft. Meine Nacht war auch nicht das Gelbe vom Ei.“

Alex hielt inne. Einen Augenblick sahen wir uns an, dann in die Schüssel. Beide lachten wir los.

„Nein. Eine Gartenlaube in meiner Nähe hat kurz nach Mitternacht Feuer gefangen“, erklärte Alex gleich darauf.

„Ach, echt?“

„Das war ein Gestank, sag’ ich dir. Ist genau in mein Fenster gezogen, der Qualm. Und spätestens als die Feuerwehr anrückte, stand ich im Bett. Mann, sind die Sirenen laut.“

„Wem sagst du das“, seufzte ich. Somit war auch dieses Rätsel des Morgens gelöst. Also kein Unfall auf der Autobahn. Ein Gartenhäuschen hatte gebrannt.

„Morgen Kati“, rief da Sahra und schwang die Tür gekonnt mit ihrem Hinterteil auf. In den Händen trug sie zwei große aufeinandergestapelte Bäckerkörbe mit frischen Brötchen. Gleich hinter ihr erschien Oskar mit einer ebenso großen Kiste, randvoll gefüllt mit Orangen.

„Uff.“ Er stellte die schwere Box auf die lange Anrichte.

„Ah, gut. Du kannst gleich damit anfangen, die Orangen zu pressen“, ordnete Alex an, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen.

„Na, dann wollen wir mal. Oder?“, fragte Sahra und zwinkerte mir zu.

Ich griff bereits ins Regal, um die Brotkörbchen herauszuholen.

Es war ein schöner Morgen. Die Sonne verlor keine Zeit und schien, kaum dass sie aufgegangen war. Den Gästen, die im Wintergarten direkt neben der Glasscheibe ihr Frühstück einnahmen, wurde bald warm. Später Eintreffende wählten gleich einen Platz auf der Terrasse. Eigentlich war es mehr ein Innenhof als eine Terrasse. Der Wintergarten war in U-Form an das alte Sandsteingebäude angebaut worden, sodass man von der Straße aus über den Innenhof zum Eingang des Restaurants gelangte. Er war mit seinem Kopfsteinpflaster und den Granitsteinen schön anzusehen. Seitlich und auch in der Mitte standen große Kübel mit verschieden hohen Grünpflanzen, dazu etliche Holztische und -stühle mit schwarzen Metallfüßen.

Der Himmel war blau und mit einzelnen weißen Wölkchen geschmückt. Vögel pfiffen. Die Welt und auch die Gäste schienen mit sich im Einklang zu sein. Die Kirchturmuhr schlug zehn Mal. Wie schnell die Zeit doch verging.

Ich trug ein Tablett mit dreckigem Geschirr zur Küche. In der Nähe des Buffets lief mir Sahra entgegen, die allmählich mit dem Abräumen begann.

„Sag mal, hast du Frau Hofmann heute schon gesehen?“, fragte ich sie und blieb stehen.

Sahra hob den Kopf. „Hofmann?“

„Du weißt schon, die adrette ältere Dame mit den rotlackierten Fingernägeln. Schätzungsweise Ende fünfzig. Sportlich-elegant gekleidet, trägt meist Turnschuhe. Ist recht nett und immer freundlich.“

„Ach die. Nee. Hab’ ich nicht gesehen.“

„Komisch. Als ich mich vorgestern mit ihr kurz unterhalten habe, hat sie mir erklärt, dass für sie das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist. Aber nur vor neun Uhr! Das hat sie extra noch betont und gemeint, dass es schließlich Frühstück heißt, und nach neun Uhr wäre es für den Körper nicht mehr gesund. Das würde sonst ihren Stoffwechsel durcheinanderbringen.“

Sahra zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist sie ja abgereist? Gestern.“

„Vielleicht.“

Nachdenklich ging ich weiter, um mein Dreckgeschirr Oskar zu übergeben, dem Wächter der Spülküche. Dass sich die Frau nicht einmal verabschiedet hatte, wunderte mich ein wenig. Seitdem ich hier arbeitete, hatte ich einiges an Menschenkenntnis dazugewonnen. Es gab die Hochnäsigen, die gerne meckerten, die, die nur mit sich selbst beschäftigt waren und um sich herum kaum etwas wahrnahmen. Für diese Menschen war das Personal wahrscheinlich nicht einmal existent. Die dachten offenbar, der bestellte Latte macchiato erschien wie von Zauberhand an ihrem Platz. Und dann gab es noch die netten Leute, die freundlich lächelten, sich bedankten und gern ein kleines Schwätzchen hielten. Zu dieser Sorte gehörte Frau Hofmann. Obwohl sie ihrem Outfit nach auf den ersten Blick zur ersteren Sorte hätte zählen können, überraschte sie mich mit ihrer freundlichen Art. Umso mehr verwunderte es mich, dass sie gestern nicht erwähnt hatte, dass sie abreisen würde. Meistens teilten die Netten das dann mit und verabschiedeten sich. Manchmal auch mit einer kleinen oder größeren Trinkgeldgabe, nachdem ich sie ein paar Tage zur Zufriedenheit bedient hatte.

Eine Stunde später waren alle Gäste verschwunden, alles sauber aufgeräumt und auch in der Küche waren Oskar und Alex bei den letzten Handgriffen. Sahra und ich schmissen unsere Schürzen in die Wäsche, bevor wir nach unseren eigenen Habseligkeiten angelten.

„Tschüss, bis morgen“, rief Sahra und war schon halb zur Tür hinaus. Ich musste noch nach vorn zur Rezeption. Frau Eymold, unsere Chefin, müsste jetzt Dienst dort haben, und ich sollte für meine Schwiegermutter noch einen kleinen Empfang organisieren.

Kati. Am nächsten Donnerstag möchten wir Bernhard aus unserem Literaturclub für seine fünfundzwanzigjährige Mitgliedschaft ehren. Da muss der Rahmen schon stimmen! Organisier hierfür bitte im Hotel „Zur Sonne“ die Kutscherstube. Es werden circa dreißig Personen kommen. Menüvorschläge und Tischschmuck benötige ich natürlich auch“, bat sie mich gestern, wie immer höchst liebevoll.

„Aber ich kann doch nicht …“ Als ich protestieren wollte, schnitt sie mir sofort das Wort ab.

„Du wirst das ja wohl für mich erledigen können! Bist eh täglich dort … um zu bedienen.“ Sie spie das Wort bedienen förmlich aus. Eine solche Tätigkeit lag deutlich unter ihrem Niveau und dem ihrer Familie. Was mich betraf, war sie sichtlich hin- und hergerissen. Ich war zwar „Familie“, aber wenn es nach ihr ginge, würde sie diesen Umstand lieber vergessen. Und was meinen Job als Servicekraft betraf, so passte der doch grundsätzlich zu mir und meinem Wesen. Dass sie das so sah, da war ich mir sicher. Mir entlockte ihre zweifelhafte Haltung diesbezüglich regelmäßig ein Lächeln. Es war mir immer eine Freude, Anke aus der Fassung zu bringen.

„Ich weiß nicht, was für einen Tischschmuck du dir vorstellst“, formulierte ich meinen Einwand anders. Schließlich waren Ankes gehobene Ansprüche nur schwer zu erfüllen, das wusste ich aus Erfahrung. Und ich würde mich garantiert nicht in die Nesseln setzen, um mir am Schluss wieder eine Predigt anhören zu müssen, wie unfähig ich doch sei. Anke war in ganz Bayreuth berühmt-berüchtigt. Jedem Gastwirt, Restaurant- und Hotelbesitzer brach schon der kalte Schweiß aus, wenn sie über die Schwelle trat.

„Es wird doch bestimmt Unterlagen mit Vorschlägen und Fotos geben. Bring sie mit. Ich wähle dann in Ruhe aus.“ Ihr Kinn stach erhaben hervor.

Ich gab mich geschlagen. Wie könnte ich auch anders, wenn sie mich schon so nett darum bat?

Der Haupteingang zum Hotel befand sich seitlich am Gebäude und führte direkt zur Rezeption. Da ich mich aber schon im Haus aufhielt, lief ich durch das zu dieser Zeit menschenleere Restaurant, hindurch durch die sauber polierte Glastür, den Gang entlang nach vorn. Frau Eymold saß in Unterlagen vertieft in dem kleinen Büro direkt hinter der Empfangstheke. Ich schwang meine Handtasche über die Schulter und lehnte mich an die hölzerne Ablagefläche des Rezeptionstresens.

„Frau Eymold? Hätten Sie kurz Zeit?“, winkte ich ihr.

Sie sah auf und kam lächelnd auf mich zu. „Kati. Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie gerade in dem Moment, als die Tür des Haupteingangs aufging und zwei Männer eintraten.

Ich hatte das Gefühl, dass mir das Herz stehenbleiben würde.

„Guten Tag“, sagte der erste Mann und kam einen Schritt näher.

Ich kannte ihn. Es handelte sich um Kriminalkommissar Hartmann. Wir hatten uns vor etwa einem halben Jahr flüchtig kennengelernt, als ich zufällig eine Leiche entdeckt hatte. Aber das war eine andere Geschichte und nicht der Grund für meine kurzzeitigen Herzrhythmusstörungen. Dafür war vielmehr der andere Mann verantwortlich, der hinter ihm in der Tür erschien und den ich deutlich besser kannte als Herrn Hartmann.

„Kati!“, sagte da Lars auch schon. Er hatte mich ebenfalls auf Anhieb wiedererkannt.

„Lars!“ Es war lediglich ein Flüstern, das ich von mir gab. Ich räusperte mich und probierte es erneut: „Lars! Was machst du denn hier?“


2.

 

Lars. Wie oft hatte ich in den vergangenen Monaten immer wieder an ihn gedacht. Ja, man konnte durchaus sagen, dass er einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hatte. Ich hatte ihn in Verbindung mit der bereits erwähnten Leiche, die ich gefunden hatte, kennengelernt. Das war kurz nach Weihnachten gewesen, als ich so manches über meinen verstorbenen Mann Thorsten erfuhr, was ich lieber nicht gewusst hätte. Mit ein bisschen Abstand zu den Geschehnissen zum Jahreswechsel beschloss ich aber, mir die Zeit meiner glücklichen Ehejahre nicht vermiesen zu lassen und nur an den schönen Momenten festzuhalten. Egal, was ich im Nachhinein alles erfahren hatte.

Vielleicht mochte sogar Lars ein wenig seinen Teil zu dieser Einstellung beigetragen haben. Er war nach Thorstens Tod der erste Mann, der meinen Hormonhaushalt doch etwas durcheinanderbrachte. Na gut. Nicht etwas sondern gewaltig. Dabei war unser Start vielmehr ruppig gewesen.

Sechs Tage standen wir in ziemlich intensivem Kontakt, wie man sagen könnte. Dann verschwand er so schnell, wie er aufgetaucht war. Ich dagegen blieb mit meinen neugewonnenen Erkenntnissen bezüglich meines verstorbenen Mannes und wiederholt kribbelnden Gedanken an Lars zurück.

„Hauptkommissar Hartmann, Kripo Bayreuth“, stellte sich indes der mir flüchtig bekannte Beamte, an Frau Eymold gewandt, vor. „Und das ist mein Kollege Winkelmann.“ Er zog seinen Ausweis hervor und hielt ihn meiner Chefin unter die Nase.

Lars’ blaugraue Augen waren noch immer auf mich geheftet. Erst bei der Erwähnung seines Namens richtete er seine Aufmerksamkeit ebenfalls auf die Hotelbesitzerin.

„Eymold. Petra Eymold. Was kann ich für Sie tun?“

Kommissar Hartmann räusperte sich. „Wohnt bei Ihnen eine …“, er sah kurz auf einen kleinen schwarzen Block, „Monika Hofmann?“

„Äh, ja?“ Meine Chefin zog fragend die Augenbrauen nach oben. „Ich weiß aber nicht ,ob sie gerade im Haus ist.“

Hartmann nickte mäßig. Lars ergriff das Wort.

„Ich glaube, das können wir beantworten. Frau Hofmann wurde nämlich heute Morgen am Mainufer tot aufgefunden.“

Meiner Chefin und mir klappte gleichzeitig der Unterkiefer herunter.

„Was?“, hauchte Frau Eymold und sank auf den Stuhl hinter der Rezeption. „Wann? Wie? Ich meine … was ist denn passiert?“

„So wie es aussieht, wurde sie erschlagen“, teilte die nüchterne Stimme von Herrn Hartmann uns mit. 

„Erschlagen?“, echote ich.

„Wir müssten bitte das Zimmer von Frau Hofmann sehen“, forderte Hartmann meine Chefin auf.

„Ja. Sicher. Kommen Sie.“ Leicht wankend erhob sie sich und griff nach der Generalschlüsselkarte, mit der sich alle Türen im Hotel öffnen ließen.

Die drei liefen an mir vorbei zum Aufzug. Ich stand noch immer wie zur Salzsäule erstarrt da.

„Ich wusste doch, dass etwas nicht stimmt“, murmelte ich.

Lars blieb kurz bei mir stehen. Ich roch sein Aftershave, und trotz dieser schrecklichen Nachricht breitete sich flüchtig ein wohliges Kribbeln in mir aus.

„Kanntest du sie?“, fragte er mich.

Ich nickte. „Vom Frühstück.“

Das „Pling“ des Fahrstuhls ertönte. „Lars?“, hörte ich Herrn Hartmann.

„Komme“, rief er über die Schulter. „Wir reden später“, sagte er zu mir. „Ich weiß ja, wo ich dich finde.“ Dann drehte er sich um und verschwand mit den anderen im Aufzug.